Spirituelle Geschichten

 

Die hier aufgeführten Geschichten sind für Erwachsene, wie für Kinder geeignet.

 

 

 

Wie der Schatten das Licht fand


Es existierte einst ein Planet, auf dem totale Dunkelheit herrschte. Die Bewohner dieses Planeten wussten voneinander, doch sie sonderten sich ab, wollten so wenig wie möglich miteinander zu tun haben. Einer von ihnen begann eines Tages zu ahnen, dass das Leben in völliger Dunkelheit nicht alles sein konnte, dass es da noch mehr geben musste. Er selber war ein Schattenwesen, kaum zu unterscheiden von seinen schattenhaften Mitwesen. Er lebte zurückgezogen und bewegte sich kaum sichtbar in der für ihn gewohnten Dunkelheit. Während den Nächten, die schwerlich von den Tagen zu unterscheiden waren, besah er sich fasziniert den leuchtenden Sternenhimmel. Die funkelnden Sterne zogen ihn in einen magischen Bann. Zuweilen sehnte er sich so sehr nach dem Licht, dass das Herz in seiner Brust schmerzte.

    »Ich wäre so gerne wie dieses Licht«, dachte er bei sich.

   »Du bist Licht«, antwortete eine ihm gänzlich unbekannte Stimme, die vom Himmel zu kommen schien.

   Der Schatten lachte verächtlich, ein solcher Gedanke schien ihm äusserst abwegig.

   Da raste mit höllischer Geschwindigkeit eine Art Feuerball an ihm vorbei, schlug hart vor seinen Füssen in die Erde ein. Vor Schreck machte der Schatten einen Satz nach hinten. Dann betrachtete er dieses leuchtende Etwas näher, lehnte dabei seinen Oberkörper so weit nach vorne, dass er beinahe das Gleichgewicht verloren hätte. Mit vor Überraschung weit aufgerissenen Augen stellte er fest, dass dieses helle Ding einem Stern sehr ähnlich sah.

   »Bist du ein Stern?« fragte der Schatten flüsternd, und machte einen zögernden Schritt auf den Stern zu.

   »Ich bin das Licht«, antwortete das Licht.

   Es hielt einen Moment inne, bevor es weiter sprach: »Sterne bestehen aus Licht… und auch du bestehst aus diesem Licht.«

   Traurig schüttelte der Schatten den Kopf. »Ich bin ein Schatten, weiter nichts.«

   Das Licht, das noch immer die Form eines sternartigen Feuerballs besass, begann sich auszudehnen, es wurde grösser als der Schatten, nahm nach und nach die umliegende Umgebung ein, bis schliesslich der ganze Planet in weiss-goldenes Licht gehüllt war.

   Der Schatten rieb sich die Augen und verengte sie zu Schlitzen, da er sich von diesem gleissenden Licht geblendet fühlte. Die Angst zu erblinden stieg in ihm hoch. Immer weiter steigerte er sich in diesen Gedanken hinein, bis heisse Tränen seine Wangen hinab kullerten.

   »Ich kann nichts mehr sehen«, schluchzte er.

   »Du bist Licht«, wiederholte das Licht, »doch du hältst es fein säuberlich tief unter deinem Schattengewand verborgen.«

   »Das ist nicht wahr«, rief der Schatten entrüstet und wandte sich zornig ab.    

   Doch die Neugierde war stärker, so dass er schliesslich nicht umhin kam, den hochstehenden, enganliegenden Kragen seines Gewandes einen winzigen Spalt zu öffnen, um hinein zu spähen. Erschrocken zuckte er zurück, als ein heller Lichtstrahl, der sich deutlich vom schwarzen Gewand abhob, seine schmerzenden Augen erreichte.

   Das Licht verminderte nun aus Mitgefühl seine Grösse. Worauf die Dunkelheit sogleich den freien Raum einnahm und sich wie ein undurchdringbarer Schleier über den Planeten legte. Erst schlüpfte das Licht wieder in die ehemalige Gestalt des Feuer-Sterns zurück, bevor es wenige Augenblicke später, die Form eines weiss-goldenen Adlers annahm, der das Schattenwesen um zwei Körperlängen überragte.

   Blinzelnd rieb sich der Schatten die brennend-roten Augen, sein Sehvermögen kehrte zunehmend zurück.

   »Leg dein Schattengewand nun ganz ab«, nickte das Licht ihm freundlich zu.

   Staunend blickte der Schatten den wundervollen, aus purem Licht bestehenden Vogel an. Sein Unmut war vollständig verschwunden. Er zitterte vor Aufregung. Langsam und zögernd öffnete er sein Schattengewand und streifte es schliesslich ganz ab  -  hervor trat ein prächtiges, strahlendes Lichtwesen.

   Der Adler packte den zu Licht gewordenen Schatten sanft mit seinem Schnabel und schwang diesen auf seinen Adler-Rücken. Der Schatten konnte kaum begreifen, was da vor sich ging, mehrere Male musterte und bewunderte er seine eigene Lichtgestalt von Kopf bis Fuss.

   »Ich bin Licht«, rief er freudestrahlend aus, wobei sein Licht-Körper noch heller funkelte. Vor Übermut wäre er beinahe vom Rücken des Adlers gekippt. Er konnte es nicht fassen.

   »Halt dich fest, ich werde dir etwas zeigen.«

   Mit diesen Worten breitete der Adler seine Schwingen aus und erhob sich hoch in die Lüfte.

   In vollen Zügen genoss das ehemalige Schattenwesen das unbekannte Gefühl des Fliegens, es fühlte sich freier als jemals zuvor. Plötzlich stutzte es, denn weit unter sich sah es seinen von Dunkelheit beherrschten Planeten, erkannte in jenen, kaum sichtbaren Schattengestalten seine Mitwesen - und erschrak zutiefst.

»Sie wissen allesamt nicht, dass sie Licht sind«, stellte es erschüttert fest.

   »Nein, sie haben es vergessen«, nickte der weiss-goldene Adler, welcher gemächlich über dem finsteren Planeten kreiste. »Die Schattengewänder sollten einst eine Schutzfunktion erfüllen. Es gab eine Zeit, da begannen sich die Menschen vor sich selber zu fürchten, vor ihrem eigenen Licht, sie fühlten sich nicht mehr in der Lage, angemessen mit ihm umzugehen. So legten sie sich Schattengewänder an, um das Licht zu verdecken. Damit aber verdüsterte sich der Planet immer mehr. Und seine Bewohner vergassen im Laufe der Zeit, was sich unter ihren Gewändern verbarg - ihr wahres Wesen. Oftmals muss viel Leid geschehen, damit ein einzelner sein Licht erkennt und den Mut erlangt, das Schattengewand abzulegen.«

   Der Schatten nickte traurig, und der Wunsch, seinem Planeten und den Bewohnern das Licht zurückzugeben, keimte in ihm heran, je länger er die trostlose Finsternis unter sich betrachtete.

   »Kann ihnen nicht jemand dabei helfen?« fragte er mit leichter Hoffnung in der Stimme.

   »Dazu sind nur Menschen in der Lage, die sich ihres Lichts bewusst sind. Da du dein Schattengewand abgelegt hast, ist das nun auch deine Aufgabe.«

   Eine ganze Weile schwieg der Schatten, er wusste, dass der Adler Recht hatte. Dann wandte er sich an ihn: »Ich weiss nicht, wie ich das bewerkstelligen kann.«

   Lächelnd erwiderte der aus Licht bestehende Adler, seinen Kopf dem Schattenwesen zugeneigt: »Erzähle deine Geschichten, und berühre damit die Herzen jener, die bereit sind, dir zuzuhören.«

   Tausend Gedanken schwirrten dem Schatten durch den Kopf, als hätten sich surrende Bienen darin festgesetzt. Er versuchte sie zu ordnen, doch sie liessen sich nur schwer einfangen.

   »Die Menschen werden angesichts meines Lichtes erblinden«, sagte er dann nachdenklich, wobei seine Worte wie eine Frage klangen und zugleich eine Feststellung darstellten.

   »Lege das Schattengewand vorerst wieder an. Du wirst den Zeitpunkt erkennen, ab dem du es nicht mehr benötigen wirst.«

   Somit reichte der Adler dem Schattenwesen das schwarze Gewand, welches dieser sich sogleich überstreifte.

   »Halt dich fest!«

   Im Sturzflug näherte sich der weiss-goldene Vogel dem von Dunkelheit beherrschten Planeten, bis er sanft auf dem Erdboden landete. Mit einer Geste, hiess er den Schatten abzusteigen und streckte ihm den Flügel als Rampe hin. Mit dem Versprechen, den Schatten bei seiner Aufgabe zu unterstützen und ihn zu führen, verabschiedete sich der grosse Vogel und erhob sich in die Luft. Bald darauf verschwand er als winziger, funkelnder Punkt in der endlosen Ferne.

 

                                                      Copyright© Nicole Looser, Mai 2011

 

 

 

Weitere Geschichten folgen...

 

Tief im Menschen schlummern jene Kräfte,
Kräfte, die ihn in Erstaunen versetzen würden,
die zu besitzen er sich nie erträumt hätte,
Kräfte, die sein Leben völlig verändern könnten,
wenn sie geweckt und genutzt würden.
 

Orison Swett Marden

 

 

Das ICH war es, dessen Sinn und Wesen ich lernen wollte. Das ICH war es, von dem ich loskommen, das ich überwinden wollte. Ich konnte es aber nicht überwinden, konnte es nur täuschen, konnte nur von ihm fliehen, mich nur vor ihm verstecken. Wahrlich, kein Ding der Welt hat so viel meine Gedanken beschäftigt, wie dieses ICH (...) Und über kein Ding in der Welt weiss ich weniger, als über mich.

 

Hermann Hesse aus "Siddhartha"