Schamanische Erzählungen

 

Die folgenden Texte stellen Erfahrungsberichte dar, die auf wahren Begebenheiten beruhen. Sie haben sich nach meiner Wahrnehmung genau so zugetragen. Damit erheben sie weder den Anspruch nach Vollständigkeit, noch nach allgemein gültigen Aussagen, sondern sie geben einzig meine ganz persönliche Wahrheit wieder.


 

 

Der weisse Salbei

Ich freute mich unbändig über das junge, erst 15 cm grosse Pflänzchen, dass ich mir kürzlich in der Gärtnerei geholt hatte, und schloss es sogleich in mein Herz. Es bekam einen geschützten und sonnigen Platz auf der Kommode vor dem Hauseingang, wo ich es im Auge behalten konnte. Noch war Sommer, die Tage waren lang und die Sonne schickte ihre goldenen, von Hitze vibrierenden Sonnenstrahlen unerbittlich vom Himmel. In diesem Klima fühlte sich mein Salbei wohl, und mir erging es ebenso. Mein Leben schien in geordneten Bahnen zu verlaufen.

Der Salbei wuchs und gedeihte prächtig und schenkte mir seine Blätter für meine Räucherrituale. Als sich der Herbst langsam bemerkbar machte, die Tage kühler und regnerischer wurden, und die Temperaturen langsam die 5 Grad-Marke erreichten, war es für den Salbei an der Zeit, in die geheizte Wohnung umzuziehen. Wie ich in der Gärtnerei informiert worden war, würde die Pflanze nicht sehr erfreut auf die Heizungsluft reagieren. Deshalb bekam sie in einem etwas kühleren Raum einen Platz. Doch nach zwei Wochen nahmen die ersten Blätter eine gelbliche Farbe an.

Etwa zur gleichen Zeit ereigneten sich in meinem Leben Dinge, die sich, von jenem Zeitpunkt aus gemessen, vor einem Jahr angekündigt hatten, und nun ihre Fortsetzung fanden.
Die Unbeschwertheit des Sommers, die ich mir erfolgreich eingeredet hatte, verlor ihre trügerische Maske. Dahinter trat die unheimliche Wucht einer schweren Last erneut und mit aller Grausamkeit hervor, und zwang mich zum wiederholten Male auf die Knie.

Die Blätter des Salbeis färbten sich allmählich alle gelb, einige lösten sich ab und lagen leblos auf dem Schränkchen, auf dem er stand. Aus Verzweiflung bekam er einen neuen Platz in der Küche, an einem hellen und warmen Ort am Fenster. Ich erhoffte mir mit dem Standortwechsel den Prozess aufzuhalten. Gleichzeitig, und mit jedem Tag mehr, schwanden meine Kräfte, ich versank in einer nebelartigen Melancholie, die sich mit einer seltsamen Prise von Sehnsucht nach Freiheit vermischte. Die kalten Tage legten einen Schleier von Traurigkeit um mich, und ich kämpfte verzweifelt gegen die schwere Last, die schrittweise mein Herz auszufüllen drohte.

Der Salbei erholte sich nicht, nach und nach verlor er alle Blätter, ich fühlte, wie er Kraft verlor. Es hatte keinen Zweck, den Standplatz abermals zu wechseln, das wäre einer vergeblichen Flucht gleichgekommen. Nach und nach erreichte ein befremdlicher Gedanke meinen Verstand: Nicht die Pflanze war es, die flüchtete, sondern ich. Denn noch immer war ich nicht dazu bereit, die unumgängliche Lebenssaufgabe anzunehmen. Der Salbei setzte mir einen Spiegel vor, in den ich jedoch zu diesem Zeitpunkt nicht hineinschauen wollte.

In den nächtlichen Träumen wurde ich zum Verfolgungs-Opfer, stürzte von hohen Klippen ins Meer oder erlitt Unfälle. Oft endeten diese mit Verletzungen oder gar tödlich. Ich rannte und kämpfte Nacht für Nacht um mein Leben.

Die Pflanze war nur noch ein Schatten ihrer selbst, der blattlose Strunk ragte aufrecht in den Himmel, als wäre er ein von seiner Mannschaft verlassenes Kriegsschiff, das nur noch dem Sturm trotzte, um auf seinen Untergang zu warten. Es zerriss mir das Herz, sie so zu sehen und nichts für sie tun zu können. Es war eine Art jener Verbundenheit, für die Worte nicht ausreichen, um sie zu beschreiben. Es fühlte sich an, als wäre die Pflanze Teil meiner Seele. Ich konnte fühlen, wie das Leben aus ihr wich. Sie verdorrte.

Auch ich selber fühlte mich zunehmend als Hülle, deren Lebenskraft nach und nach versiegte. Es gab nichts mehr, was mir Freude bereiten konnte, die Last schien mich zu erdrücken und raubte mir das Funkeln aus den Augen. Mir schien, als würden sich Teile meiner Seele zurückziehen, an einen weit entfernten, verborgenen Ort, den ich nicht zu erreichen vermochte. Als Hülle war ich zwar funktionsfähig, aber ich fühlte mich leblos und unendlich leer.

 

Eines Nachts erwachte ich voller Panik aus einem Traum, der nicht in meinem Bewusstsein haften blieb, aber mich bis ins Tiefste erschütterte. Am ganzen Körper zitternd stand ich auf, mit dem unergründlichen Vorhaben, nach dem Salbei zu sehen. In der Küche umschloss ich mit steifen Fingern den Topf mit dem abgestorbenen Salbeistrunk und hob ihn in die Nähe meines Herzens. Das Gefühl der Verbundenheit stellte sich augenblicklich ein, unsere Seelen vereinten sich. Doch ich erschrak zutiefst. Ich fühlte, wie der letzte Funke Leben aus der Pflanze wich. Sie starb.


Eine eisige Kälte durchfuhr meinen Körper, sie schien aus dem Parkettboden zu kommen, fand Kontakt mit meinen Füssen, und stieg blitzschnell meine Beine hoch, wie eine Schlange, die ihrer Beute keine Chance liess zu entkommen. Regungslos, zu Eis erstarrt, stand ich im milchig-fahlen Mondlicht, welches durch das Küchenfenster herein fiel. Doch mein Inneres bebte derart bedrohlich, als würde es von einem Erdbeben mit Stärke 10 auseinandergerissen und irreparabel zerstört werden. Ich war nicht im Stande, auch nur einen einzigen Gedanken zu fassen, mein Kopf war leer und ausgehöhlt.

 

Gefühlte Stunden später - die vermutlich nur einige Sekunden dauerten - löste das innere Erdbeben einen energiegeladenen Blitz aus, der durch meinen Körper zuckte und ihn aus seiner Erstarrung befreite. Meine Hände klammerten sich krampfhaft um den gelben Topf, so dass alles Blut aus meinen Finger wich, als wäre er der einzige, rettende Strohhalm, der mich vor dem Untergang bewahren konnte.


Es machte den Eindruck, als hätte der Blitz mein Bewusstsein zurückgebracht und mit ihm eine Erkenntnis. Die Entschlossenheit, die mich zum nächsten Schritt veranlasste, erschreckte mich zwar, aber in selben Augenblick heilte sie die Zerstörung, die das Erdbeben verursacht hatte.

Ich hob den Kopf, richtete meinen Blick auf den runden, vollen Mond, dessen Licht auf wundersame Weise zu glühen schien. Mit ruhiger aber kraftvoller Stimme sprach ich: "Wenn es keinen anderen Weg gibt, Dich zu retten, dann lege ich meinen Widerstand von heute an nieder und nehme die Aufgabe an. Das ist mein Versprechen."


Diese Worte tauchten hinab bis auf den Grund meiner Seele, erreichten und liebkosten sie, wie eine Mutter, die ihre ganze Liebe ihrem Neugeborenen schenkt. Indem ich dem Salbei dieses Versprechen gab, gab ich es gleichzeitig mir selber. Nun spürte ich, wie die Kraft langsam zurückkehrte. Die Luft hörbar und stossweise ausatmend, stellt ich den Topf mit dem Salbeistrunk wieder auf seinen Platz zurück, und stieg die Treppe hoch in den oberen Stock, wo ich mich wie erlöst ins Bett legte, und in einen tiefen, traumlosen Schlaf lief.


Es vergingen ein paar Wochen, der Salbei erholte sich, der Strunk füllte sich mit winzigen, hellgrünen Blättchen. Und ich begann, mein Versprechen einzulösen.

 

Copyright© Nicole Looser,

November 2010 

 

 

 

Weitere Berichte folgen...

 

Tief im Menschen schlummern jene Kräfte,
Kräfte, die ihn in Erstaunen versetzen würden,
die zu besitzen er sich nie erträumt hätte,
Kräfte, die sein Leben völlig verändern könnten,
wenn sie geweckt und genutzt würden.
 

Orison Swett Marden

 

 

Das ICH war es, dessen Sinn und Wesen ich lernen wollte. Das ICH war es, von dem ich loskommen, das ich überwinden wollte. Ich konnte es aber nicht überwinden, konnte es nur täuschen, konnte nur von ihm fliehen, mich nur vor ihm verstecken. Wahrlich, kein Ding der Welt hat so viel meine Gedanken beschäftigt, wie dieses ICH (...) Und über kein Ding in der Welt weiss ich weniger, als über mich.

 

Hermann Hesse aus "Siddhartha"