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Das Schwert, das in der Scheide ruht

 

Eigentlich wollte ich den Kampf aufgeben. Weil ich des Kampfes müde bin, weil ich, seit ich denken und fühlen kann, Tag für Tag am Kämpfen bin. Ich nahm mir vor die Waffen abzulegen, das Schwert niederzulegen. Weil ich genug gekämpft habe. Gegen das Leben, gegen meine vermeintlichen Feinde, gegen mich selbst. Weil ich Frieden brauche und mit jeder Faser meiner Seele einen Weg ohne Kampf anstrebe. Frieden mit mir, in mir, mit meinem Körper, meinem ganzen Sein. Frieden.

 

Mein Lebensmotto: Das Leben ist ein Kampf.

Natürlich. Ich kannte es ja nicht anders.

 

Ich wollte das Leben nicht mehr als Kampf sehen, sondern als Abenteuer.  

 

Vor vielen Jahren sagte mir eine Astrologin ohne Vorwarnung und geradewegs auf den Kopf zu, dass ich schon etliche Male als Mönch gelebt hätte. Als Mönch? Ich? In einem dieser braunen Sackgewänder mit Ganzkörper-Kapuze? Den ganzen Tag kniend auf der Kirchenbank (oder wo auch immer) das Vaterunser betend? Never! Meine Seele schüttelte so heftig mit dem Kopf, dass ich diesen Gedanken in den hintersten Winkel meines Bewusstseins und somit von mir weg schob.

 

(Nein, das ist kein Angriff auf die Religion, das Christentum, oder what ever. Das war nur mein ganz persönliches widerstrebendes Gefühl zu der gemachten Aussage. Nur mal um das klarzustellen.)

 

Jahre später erwachte ich aus einem nächtlichen Traum. Ein Kloster. Kämpfende, meditierende Mönche. Mönche, die ihren Körper zu perfektionieren wussten. Mit und ohne Waffen. Schwerter, Stöcke, Speere. Und ich war mitten unter Ihnen.

 

Aha! Da war er, der zündende Funke, eine kleine strahlende Erleuchtung. Das Licht strahle heller als alle Lichter, die ich bisher kannte, oder zu kennen glaubte. Natürlich war ich Mönch gewesen! Früher… sehr viel früher. Shaolin-Mönch. Und da hätten wir ihn wieder: Den Kampf. Den Krieger in mir.

 

Auch in diesem Leben interessiere ich mich für Kampfkunst, habe lange Zeit Karate, Jissen Kobudo und Kickboxen betrieben. Geist und Körper immer wieder herausgefordert. Als wüsste er, wie es geht. Mit Blut, Schweiss und Tränen. Mit Schmerzen nach jeder Trainingseinheit. Und mit vielen blauen Flecken. Jeder war eine Eroberung. Ein Beweis, dass ich besser und schneller wurde.

 

Karate Kid? Und Kwai Chang Caine? Tom Cruise als „Der letzte Samurai“? Ja, sie waren meine TV-Helden! Heute lache ich darüber, früher war ich bis in jede Zelle fasziniert. Habe die weisen Lehren verinnerlicht… und mich wiedererinnert.

 

Und so ergibt das ein Ganzes, einen untrüglichen Sinn. Ich habe das Kämpfen gelernt, bin in die tiefste und schmerzlichste Perfektion. Unmenschliches meinem Körper abverlangt, meinen Geist geschult, trainiert, überwunden. Grenzen überschritten und gesprengt. Ich war ein Krieger. Viele Leben lang.

 

(Nein, ich will nicht missionieren. Ich lasse jedem seinen Glauben und Unglauben. Für mich war Inkarnation schon als Kind Gewissheit, auch wenn ich weder eine Erklärung noch die Bezeichnung dafür kannte.)

 

Und jetzt will ich die Waffen ruhen lassen, das Schwert niederlegen?

 

Will ich das wirklich? Oder vielmehr: Kann ich es überhaupt? Im Sinne, bin ich fähig dazu?

 

Mein ganzer Körper war und wurde selber zu Waffe. Das Schwert ist die Metapher. Das Rüstzeug.

 

Im Laufe der letzten Wochen habe ich gekämpft, sowas von. Und ich kämpfe immer noch. Ich wurde herausgefordert, habe Widerstand geleistet, mich aufgelehnt, bin für mich und meine Bedürfnisse eingestanden, habe meinen Körper drangsaliert, meine Seele geplündert. Dabei wollte ich Frieden. Wollte den Kampf aufgeben. Den Krieger verbannen. Stattdessen kämpfte ich erst recht. Allem Teufel zum Trotz.

 

Da erkannte ich: Frieden ist Annahme. Annehmen was IST… und wie es ist. Bekämpfe ich den Krieger in mir, bekämpfe ich mich selbst. Nehme ich ihn an, schliesse ich Frieden.

 

Klingt so einfach… und ist es auch. Zumindest der Gedanke. Die Umsetzung ist was anderes.

Betrachten wir es kurz von einer anderen Seite: Alles was man gelernt hat wurde zur Fähigkeit, ist und bleibt eine Ressource. Hat man erst ein Schwert erworben, und die Fähigkeit, wie es zu führen ist erlangt, ist dieses Schwert von unschätzbarem Wert. Denn es zeichnet den Krieger aus. Es macht ihn zu dem, was er ist. Es zeichnet den Weg seines Lebens nach. Würde der Krieger sich nun mit aller Macht von diesem Schwert trennen wollen, gibt er sich selber auf. Er schneidet sich selber von seiner Ressource ab.

 

Also behält er es. Er bewahrt es auf wie eine unschätzbar wertvolle Kostbarkeit. Denn das Schwer ist Teil seiner Seele. Doch er trägt es nicht mehr jederzeit zum Kampf bereit vor sich her. Er hat Frieden gemacht mit sich und seinem Schwert, er hat seinen Wert anerkannt. Er lässt es in der Scheide ruhen. Vielleicht bis er sich das nächste Mal verteidigen muss… und vielleicht, irgendwann, für immer. Es ist nicht das Schwert, das ihm Macht verleiht. Es ist die Macht selbst, die in ihm innewohnt und ihn durchs Leben führt. Vielleicht nicht kampflos, aber in Frieden mit sich selbst.  

 

 

Ich wünsche Euch Frieden.

 

 

 

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Tief im Menschen schlummern jene Kräfte,
Kräfte, die ihn in Erstaunen versetzen würden,
die zu besitzen er sich nie erträumt hätte,
Kräfte, die sein Leben völlig verändern könnten,
wenn sie geweckt und genutzt würden.
 

Orison Swett Marden

 

 

Das ICH war es, dessen Sinn und Wesen ich lernen wollte. Das ICH war es, von dem ich loskommen, das ich überwinden wollte. Ich konnte es aber nicht überwinden, konnte es nur täuschen, konnte nur von ihm fliehen, mich nur vor ihm verstecken. Wahrlich, kein Ding der Welt hat so viel meine Gedanken beschäftigt, wie dieses ICH (...) Und über kein Ding in der Welt weiss ich weniger, als über mich.

 

Hermann Hesse aus "Siddhartha"