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Just keep going / Einfach weitermachen

 

Ist es nicht ein Wunder, wie uns die Natur als Lehrmeister dienen kann?

Ich jedenfalls bin immer wieder davon fasziniert.

 

Aber jetzt mal von Anfang an: Es ist nun schon das dritte Jahr in Folge, in dem das Hausrotschwanz-Weibchen sein Nest in der gut geschützten Nische oberhalb meiner Wohnungstüre baut und ihre Eier darin ausbrütet. In der Regel schlüpfen drei bis vier Jungtiere und lernen kurz darauf zu fliegen. Jeden Frühling bange ich in freudiger Erwartung darauf, ob das Vogel-Weibchen wohl wiederkommt.

Es kam wieder, auch dieses Jahr.

 

Es wird dann fleissig Moos, Geäst, Federn und ähnliches Baumaterial herangeschleppt und ein gemütliches Nest für den Nachwuchs gebaut. Dabei fällt nicht selten etwas hinunter und landet vor meiner Haustüre. Das ist für mich immer das ungetrübte Zeichen, dass sich der Vogel mit dem rötlichen Schwanz gerne wieder bei mir niederlässt.

 

Vor drei Jahren haben wir ein Abkommen getroffen, da wir uns beide vom anderen etwas gestört fühlten. Das Vogelweibchen wollte den Nestbau damals beinahe einstellen und sich ein geeigneteres Plätzchen suchen. Des Öfteren, wenn ich die Haustüre öffnete, war es gerade im Anflug zu seine Nest. Es erschrak, flatterte verwirrt durch den Eingangsbereich und kam erst wieder, wenn die Luft rein, das heisst, die Türe geschlossen war. Auch ich erschreckte mich jedesmal sehr und fühle mich irgendwie eingeschränkt, da ich an warmen Tagen gerne die Haustüre offen stehen lasse, dies aber aus Angst, den Vogel zu vertreiben, unterliess. Wir fühlten uns beide nicht wohl mit der Situation und doch freute ich mich über die gefiederte Gesellschaft und für den Vogel war die Nische ein wunderbarer Platz. Also traf ich mit dem Weibchen das Abkommen, dass es bleiben darf, ich meine Haustüre aber weiterhin offen stehen lasse, mich jedoch beim Hinein- und Hinausgehen achtsam verhalten werden würde. Von da an klappte unsere „Wohngemeinschaft“ perfekt.

 

Nein, das ist noch nicht das Ende der Geschichte , das kommt erst noch, das war nur mal der Vorspann, aber der will schliesslich auch erzählt sein.

 

Gut. Das Weiblich kam wie bereits gesagt auch dieses Jahr. Als da Nest fertig war, die Vögelchen nach 14 Tagen geschlüpft waren, ertönte stets ein heftiges Zwitschern, wenn die Vogeleltern ihrem Nachwuchs Futter zutrugen. Doch eines Tages herrschte eine merkwürdige fast schon angsterfüllte Stille. Als ich die Haustüre öffnete, um nachzuschauen was der Grund dafür war, lag ein nacktes kleines Vögelchen auf der Treppe vor der Wohnung. Die Vogeleltern flogen nicht mehr emsig zwischen der Futtersuche und dem Nest hin und her, sie waren spurlos verschwunden. Dies erfüllte mich mit tiefer Traurigkeit und hinterliess lauter Fragezeichen in meinem Kopf. Was war wohl passiert? War das Vögelchen aus dem Nest gefallen? Wo waren die anderen Jungtiere? Oder waren die kalten nächtlichen Temperaturen an der Misere Schuld? Oder ein anderer Vogel? Der Kuckuck viel

leicht? Ich wusste es nicht, das Nest jedenfalls war leer.

 

Ich hob das nackte Vögelchen hoch und begrub es bei mir im Garten. Ich wünschte ihm eine gute Reise und bedauerte seine Eltern sehr. Jetzt werden sie keine fröhlich zwitschernde Jungschar haben dieses Jahr. Ob das Vogelweibchen wohl traurig war? Ob es den Verlust verkraften konnte?

 

Der Vorfall betrübte mich sehr. Und mit dieser Trauer im Herzen fuhr ich ein paar Tage später für zwei Wochen in den Urlaub.

 

Und jetzt kommts. Das Wunder! Ihr werdet es nicht glauben, was ich vorfand, als ich nach dem Urlaub wieder nach Hause kam: Ein Nest voller zwitschernden kleinen Hausrotschwanz-Babys und zwei etwas gestresste Eltern, die es ihrem Nachwuchs an nichts fehlen lassen wollten und fleissig Insekten herbeitrugen und ihnen in den Hals steckten.

 

Das Weibchen hatte also den Verlust überwunden und einfach noch ein paar neue Eier gelegt und nochmals kleine Vögelchen ausgebrütet.

 

Ist das nicht wundervoll?

 

Es hat sich nicht unterkriegen lassen, hat nicht aufgegeben und einfach weitergemacht. Ich war voller Freude und Begeisterung, dass ich das miterleben durfte.

 

Und so war mir die Natur wiedermal ein sehr weiser Lehrmeister.

Es heisst, ein Kind zu verlieren sei etwas vom schlimmsten was einem Menschen widerfahren kann.

Ich weiss zwar es nicht, wie schlimm dies für Tiere ist, aber es lässt sie bestimmt nicht kalt, denn auch sie haben Gefühle. Und ich glaube, dass auch die Eltern des toten Vogelbabys um das Kleine getrauert haben.

 

Trotzdem haben sie nochmals einen Anlauf genommen und es einfach nochmals versucht. Dies hat mich tief bewegt. Gerade sitze ich im Wohnzimmer und höre die kleinen Hausrotschwänze um die Wette zwitschern, denn soeben bekommen sie wieder etwas zwischen ihre hungrigen Schnäbel.

 

Nehmen wir uns doch ein Beispiel an den Vogeleltern. Sie haben eines der schlimmsten Schicksale erlebt, die einem widerfahren kann und trotzdem haben sie den Kopf nicht in den Sand gesteckt und einfach weiter gemacht.

 

Also, meine Lieben, gebt nicht auf, egal wie schwer euch das Schicksal getroffen hat. Es gibt immer ein „Danach“ ... und das ist es Wert zu leben.

 

Tief im Menschen schlummern jene Kräfte,
Kräfte, die ihn in Erstaunen versetzen würden,
die zu besitzen er sich nie erträumt hätte,
Kräfte, die sein Leben völlig verändern könnten,
wenn sie geweckt und genutzt würden.
 

Orison Swett Marden

 

 

Das ICH war es, dessen Sinn und Wesen ich lernen wollte. Das ICH war es, von dem ich loskommen, das ich überwinden wollte. Ich konnte es aber nicht überwinden, konnte es nur täuschen, konnte nur von ihm fliehen, mich nur vor ihm verstecken. Wahrlich, kein Ding der Welt hat so viel meine Gedanken beschäftigt, wie dieses ICH (...) Und über kein Ding in der Welt weiss ich weniger, als über mich.

 

Hermann Hesse aus "Siddhartha"