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Von den Gefahren des Lebens

 

Heute hatte ich eine Begegnung mit einer Frau. Nein, nicht diese Art von Begegnung. Was ihr wieder denkt :-)

   Also... ich traf sie auf einem Spaziergang, ich kenne sie, sie wohnt in der Nachbarschaft und ist ziemlich „grün“, und Vegi und… äh… spirituell. Da sag ich überhaupt gar nichts dagegen, ich find das sogar total gut, wichtig und sinnvoll.   

   Diese Menschen verändern die Welt.

Warum ich es denn überhaupt erwähne? Naja, lest halt weiter.

 

Wir sprachen also über Gott und die Welt und kamen dann an ein paar Jugendlichen vorbei, die eine Drohne fliegen liessen. Ich war ganz fasziniert, blieb stehen und schaute dem Schauspiel ein paar Minuten zu. Einer der Jugendlichen hatte die Fernsteuerung in der Hand und schien in der Handhabung mit seinem fliegenden Objekt sehr geschickt zu sein, jedenfalls hatte er es perfekt unter Kontrolle.

 

Die Frau drängt zum Weitergehen und meinte dann, als wir ausser Hörweite waren: „Die Dinger mag ich gar nicht, ich warte nur darauf, dass mir so ein Ding ins Gesicht fliegt.“

Ich war erstaunt und erschrocken zugleich über ihre Aussage.

    Vielleicht sollte man gar nicht so denken,“ gab ich zur Antwort.

   Man muss sogar so denken. Irgendjemand wird der erste sein, dem so ein Ding ins Gesicht fliegt, wenn der Eigentümer die Kontrolle darüber verliert. Das ist ja immer so, es gibt immer einen, der der erste ist. Da will ich nicht dabei sein, wenn das passiert.“

 

Okaaay... dachte ich. Mir hatte es tatsächlich die Sprache verschlagen. Wie soll man auf sowas auch reagieren? „Selbst erfüllende Prophezeihung“ nennt man dies dann wohl. Sie sagte das so vehement und war derart stark davon überzeugt, dass ich da gegen eine Mauer geredet hätte.

   Ich muss nicht alle retten. Zum Glück.

   Aber von jemandem der sich mit Spiritualität erfasst, hätte ich irgendwie eine andere, eine positivere Weltsicht erwartet.

   Ja ja, meine Erwartungen, da sind sie wieder. Terrible! Ich weiss. Ich gelobe Besserung. Nein, eigentlich nicht. Jedenfalls nicht in dem Punkt, was eine solche Sichtweise, eine Sichtweise auf eine gefährliche Welt angeht.

 

    Die Worte klingen noch in meinen Ohren „man muss sogar so denken“. Muss man? Wer ist man? Wo kämen wir den hin, wenn wir alle so denken würden? Unser Denken würde nur noch aus Angst vor Gefahren bestehen, denn immer ist jemand der erste, dem etwas Schreckliches passiert. Es passieren permanent schreckliche Dinge auf der Welt. Sollen wir das nun heraufbeschwören? In ständiger Angst leben? Vor Flugzeugabstürzen, Klimakatastrophen, vor Bombendrohungen, Verkehrsunfällen, vor Krankheiten, Seuchen, vor Krieg… ?

   Mir wird ganz schlecht. Really.

   Nein! Ganz entschieden nein! Ich muss nicht so denken. Und ich will nicht so denken. Da kann ich mir ja gleich mein eigenes Grab schaufeln.

   Lieber beschäftige ich mich mit positiven Dingen, kreiere meine eigene Wirklichkeit, eine friedvolle, freundliche und liebevolle Wirklichkeit.

   Nein, das heisst nicht, dass man die Augen verschliessen muss vor Katastrophen und nicht mitfühlen soll, was anderen schlimmes widerfährt. Oder dass man nicht helfen oder spenden darf.

   Aber für mich heisst es, dass ich keine Energie da reinstecken möchte, indem ich mich darauf fokussiere und mich mit Angstgedanken umgeben. Ich meine, was bringt das denn? Genau, ich hätte sie fragen sollen: „Was tut denn diese Denkweise Gutes für dich?“

 

Vielleicht wäre sie dann diejenige gewesen, sie sprachlos dagestanden hätte.

 

Warum fallen einem die schlagfertigen Argumente eigentlich immer erst im Nachhinein ein? Geht es euch auch so? Also wenn ihr eine gute Strategie kennt, mit der man da Abhilfe leisten kann, dann lasst es mich gerne wissen.

 

 

 

Ah ja, wie die Geschichte ausging wollt ihr noch wissen?

 

Zugegebenermassen unspektakulär: Ich bog bei der nächsten Kreuzung in die entgegengesetzte Richtung ab und liess die Frau mit ihren Angstgedanken, die sie offensichtlich behalten wollte, ihres Weges ziehen. Ich bin kein guter Missionar. Und ich will auch keiner sein. Das bringt nur Leid und Krieg, wie wir bereits aus geschichtlichen Erfahrungen wissen.

 

Trotzdem, jeder ist seines Glückes Schmid. Diese Verantwortung liegt bei jedem Einzelnen.

 

Tief im Menschen schlummern jene Kräfte,
Kräfte, die ihn in Erstaunen versetzen würden,
die zu besitzen er sich nie erträumt hätte,
Kräfte, die sein Leben völlig verändern könnten,
wenn sie geweckt und genutzt würden.
 

Orison Swett Marden

 

 

Das ICH war es, dessen Sinn und Wesen ich lernen wollte. Das ICH war es, von dem ich loskommen, das ich überwinden wollte. Ich konnte es aber nicht überwinden, konnte es nur täuschen, konnte nur von ihm fliehen, mich nur vor ihm verstecken. Wahrlich, kein Ding der Welt hat so viel meine Gedanken beschäftigt, wie dieses ICH (...) Und über kein Ding in der Welt weiss ich weniger, als über mich.

 

Hermann Hesse aus "Siddhartha"