Ein Verweilen im Jetzt

 

Manchmal gibt es diese Momente die einem runterziehen, die einem Trübsal blasen lassen oder gar in völlige Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit stürzen.

 

Heute war so ein Moment. Er kam aus dem Nichts. Nein, das stimmt nicht ganz, natürlich gibt es eine Vorgeschichte, die gibt es immer… wenn man nur gründlich genug danach forscht. Im Prinzip geht es darum, dass ich eine Entscheidung treffen muss, eine für mich tiefgreifende, die mein Leben zum Guten oder auch zum Schlechten wenden kann. Es hängt so einiges davon ab. Und ich fühle mich unter Druck gesetzt und fürchte mich davor. Vor dieser Entscheidung und davor, mit den Konsequenzen, wie sie auch sein mögen, weiterleben zu müssen. Oha, das klingt dramatisch, nicht wahr? Für mich ist es das auch, es ist dramatisch, wenn auch nicht gerade lebensbedrohlich. Aber lassen wir das mal, sterben werde ich nicht daran. Hoffe ich zumindest, denn man weiss ja nie.

 

Trotzdem lastet diese Entscheidung sehr schwer auf meinen Schultern und ich weiss wirklich nicht was ich tun soll. Ich bin hin und her gerissen. Falls ihr geduldig darauf wartet, dass ich hier in aller Öffentlichkeit ausplaudere worum es genau geht… tja, sorry, da muss ich euch leider enttäuschen. Ein bisschen Privatsphäre muss schliesslich sein.

 

 

Jedenfalls stürzte mich der Druck, eine Entscheidung fällen zu müssen, gerade mal sehr unsanft in eine Krise. Die Gedanken trieben mich an den äusseren Rand meiner Belastbarkeit, ich spürte eine unendliche Traurigkeit, eine totale Verzweiflung und eine tiefe Hoffnungslosigkeit in mir auf-steigen. Erst ganz langsam und dann überrollte sie mich mit voller Wucht. Ich spürte wie mein Körper in sich zusammenfiel, sich meine Muskeln jedoch immer mehr anspannten, wie sich mein Kopf immer mehr Richtung Brust senkte und meine Mundwinkel nach unten fielen jene einer dieser deutschen Dogen. Ich versank quasi in einem Meer aus Selbstmitleid und Trübsal… und mein Körper war ein perfektes Abbild davon. Ich wollte da wieder raus, aber ich wusste nicht wie. Es gelang mir nicht mich abzulenken... oder mich vollzuschütten, was sicherlich nicht die schlauste Strategie gewesen wäre. Ich fühlte mich wie gelähmt. Widerstand schien zwecklos. Das einzige was ich tun konnte war mich hinzugeben, hineinzuspüren, wie sich sich meine Magen zusammenzog, wie sich mein Herz komplett verschloss und wie die Traurigkeit meinen ganzen Verstand lahmlegte. Ich war nicht mehr fähig auch nur einen einzigen intelligenten Gedanken zu denken. Ich gab mich also ganz den Fühlen meiner Gefühle und dem Spüren meines Körper hin. Ich hatte den Eindruck dies dauerte ewig an. Vielleicht vergingen Stunden oder nur Minuten, ich hatte keinerlei Zeitgefühl mehr.

 

Plötzlich, ganz unerwartet, passierte etwas. „Das bin NICHT ich“, kam von irgendwoher ein Gedanke. Oder war es ein Gefühl? Oder tieferes Wissen? Wie auch immer… ich war mit eine Mal hellwach, mein Körper richtete sich innerlich wieder langsam auf.. und dann äusserlich. Das Meer des Selbstmitleides war spurlos verschwunden. Ich spürte wieder Leben in mir. Ich wollte dieser „Stimme“ auf den Grund gehen. Woher kam sie? Warum war sie gerade jetzt aus dem Nichts aufgetaucht? War ihre Aussage üerhaupt wahr?

 

Die letzte Frage war es, die sich allem Anschein nach als richtig herausstellte. Wie ihr sicher wisst ist die Frage entscheidend um eine passende Antwort zu erhalten.

 

Die „Stimme“ hatte recht. Woher ich das wusste? Ich spürte es, und zwar mit jeder Zelle meines Körpers. Mit einem Schlag wurde mir klar, dass ich mich, während ich so trübsinnig in mir versunken war, im JETZT befunden habe. Im JETZT, wo kein Gedanke möglich war, wo ich nur noch gefühlt und gespürt und mich meiner ausweglosen Situation hingegeben hatte. In diesem Zustand hatte sich ein Tor aufgetan. Ein Tor zu einer tieferen Weisheit. Das ist zwar nichts, was ich nicht in ähnlicher Form schon erlebt hätte, aber es war noch nie so intensiv, noch nie so völlig real und körperlich spürbar. Und mir war plötzlich bewusst, dass es meine eigenen Gedanken waren, mein Verstand, der mich da reingeriten hatte, indem er mich Horrorszenarien ausmalen liess, die sich viel zu sehr mit der Zukunft beschäftigten, die diese Entscheidung, die ich zu treffen hatte, mit sich bringen würde. Dabei war es gar nicht nötig, diese Entscheidung jetzt, in diesem Moment zu treffen. Mein Leben hing nicht davon ab. Irgendwann werde ich sie treffen, ja, möglicherweise bald, aber nicht gerade jetzt.

 

Manchmal kommt mir in der Hetze des Alltags mein Vertrauen abhanden, meine Vertrauen in das Leben. Denn das bin ICH. Ich glaube an das Gute, und daran, dass alles richtig ist, was das Leben auch immer für mich bereithält. Eben, es geht um Vertrauen. Nur manchmal vergesse ich es.

 

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Nachtrag 1:

 

Ob dies eine spirituelle Erfahrung war oder nur ein kurzer Augenblick, ein Verweilen im Jetzt sei mal dahingestellt. Es ist auch nicht wichtig. Wichtig ist, dass ich noch immer dieses WOW-Gefühl in mir spüre, wie eine tiefe Erkenntnis, die mit Worten eigentlich gar nicht beschrieben werden kann.

 

Trotzdem hab ich es versucht.

 

 

Ein Nachtrag 2:

 

Ihr seht schon, meine Blogeinträge kommen etwas schräg daher und sind vielleicht nicht gerade leichtverdauliche Kost. Aber gerade so und nicht anders... passen sie zu mir. Es wird auch andere geben. Versprochen.

 

 Hugs, Nicole

 

Tief im Menschen schlummern jene Kräfte,
Kräfte, die ihn in Erstaunen versetzen würden,
die zu besitzen er sich nie erträumt hätte,
Kräfte, die sein Leben völlig verändern könnten,
wenn sie geweckt und genutzt würden.
 

Orison Swett Marden

 

 

Das ICH war es, dessen Sinn und Wesen ich lernen wollte. Das ICH war es, von dem ich loskommen, das ich überwinden wollte. Ich konnte es aber nicht überwinden, konnte es nur täuschen, konnte nur von ihm fliehen, mich nur vor ihm verstecken. Wahrlich, kein Ding der Welt hat so viel meine Gedanken beschäftigt, wie dieses ICH (...) Und über kein Ding in der Welt weiss ich weniger, als über mich.

 

Hermann Hesse aus "Siddhartha"